Unbeantwortetes Thema

16 Tage ohne Land


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Verfasst am: 22. 10. 2008 [10:31]
andi
Wilpsbäumer
Leichtmatrose
Dabei seit: 16.09.2008
Beiträge: 2
Es ist dieser Moment, wenn der Tag zur Nacht wird. Wenn sich das Licht verwandelt, die Linie des Horizonts langsam verschwindet und das Meer und der Himmel ineinander übergehen. Die Luft ist weder warm noch kühl, sie ist einfach. Ich sitze im Bugkorb und bin eins mit der Welt. Den Wellen, dem Wind, den Bewegungen des Schiffes. Der Bug hebt und senkt sich, teilt rhythmisch die so unerwartet zahmen Gewalten des Atlantik, und ich fühle mich wie in einem Entspannungstank. Das leise Rauschen des Schiffs, wenn es in die Wellen eintaucht, hypnotisiert mich nahezu. Ich bin glücklich.


Wir haben Mai 2000 und vor drei Tagen auf Antigua die Leinen los geworfen. Nach einem Zwischenstopp zum Bunkern auf St. Maarten sind wir, fünf Männer und eine Frau, auf direktem Kurs unterwegs auf die Azoren. Blauwassersegeln at it´s best. T-Shirt und Shorts sind das Maximum, die Stimmung ist auf dem Höhepunkt. Die Swan 53. Was für ein Schiff! 16 Meter, 20 Tonnen, mit unvergleichlichen Segeleigenschaften und, ganz nebenbei, dem Luxus eines 4-Sterne-Hotels, hatte doch die Frau des Eigners wochenlang mit ihren französischen Kochkünsten die Tiefkühltruhe portionsweise gefüllt. Diesen Genüssen haben wir uns jeden Mittag, unabhängig von der Wacheinteilung, gemeinsam hingegeben. Apropos Wache. 3 Stunden Wache, 6 Stunden frei. Jeweils zu zweit, so dass man seine Zeiten frei einteilen kann. Ein, wie sich herausgestellt hat, hervorragendes System, da jeder stets zu wechselnden Tages- und Nachtzeiten an der Reihe ist.


Ein letzter Löffel Mousse au Chocolat, und Ronald steht an der Espressomaschine. Der Autopilot lenkt uns verlässlich, und wir sechs grinsen uns im Salon satt und zufrieden an. Um meine Pflicht nicht zu vernachlässigen, strecke ich alle zehn Minuten mal die Nase aus dem Niedergang hoch. Diesmal keine Minute zu früh! Auf direktem Kollisionskurs erfüllt der Blas eines Wals die flirrend heiße Luft, und alle stürzen an Deck. Eine kleine Kurskorrektur, und wir bestaunen das grandiose Schauspiel einer Walfamilie, fast zum Greifen nahe. Staunende, strahlende Gesichter. Niemand vermag, etwas zu sagen. Unerwartete Begegnungen sind manchmal die schönsten.


Flaute. Wir motoren schon den zweiten Tag. Die Luft steht, und wir alle garen im eigenen Saft. Zeit für einen kurzen Badestopp. Mitten auf dem Atlantik – das hat doch mal was. Der Diesel wird zum Schweigen gebracht und wir lassen Scorpious auslaufen, bis sie scheinbar still auf dem spiegelglatten Wasser ruht. „Kann ich hier wohl einen Kopfsprung machen?“ fragt Till. „Hm, denke schon. Ist 4.000 Meter tief“. Jetzt weiß ich, woher das Wort „Blauwassersegeln“ kommt. Ein tieferes Blau habe ich nie zuvor gesehen. Ronald bleibt an Bord, und wir anderen fünf reißen uns die Shorts vom Leib und stürzen mit lautem Gekreische in die dunkle Unendlichkeit. Sofort stellen wir fest, dass die Swan durchaus noch ein wenig Fahrt macht und wir uns ziemlich anstrengen müssen, das Heck wieder zu erreichen. Jörg´s Frage nach Haien „in dieser Gegend“ beendet dann unseren kindlichen Badespaß. Die Eindrücke aber, sie bleiben für immer.


Hundewache. Die Zeit zwischen Mitternacht und drei Uhr. Seit Tagen hat der Wind zugelegt, der Spinnacker ist tief verstaut, das Ölzeug hervor geholt, denn aus raumschots ist ein Amwindkurs geworden. Längst haben wir von der Genua auf die kleine Fock gewechselt, und das erste Reff ist ins Groß eingebunden. Ich stehe am Ruder und Nelli döst unter der Sprayhood. Beide tragen wir Rettungswesten und Lifelines. Die Nacht ist schwarz, und doch erkenne ich am Horizont etwas noch viel schwärzeres. Wie eine Platte aus Blei schiebt sich ein Wolkenungetüm in unseren Weg. Wo meine Versuche, meine Wachpartnerin zu wecken, scheiterten, schafft es Rasmus: wie eine Keule dröhnt die Bö auf uns ein, und während die Baumnock durch´s Wasser zieht und Scorpious sich bedenklich auf die Seite legt, hat Till auf dem Klo die Füße an der Decke und Nelli sich um das Gestänge der Sprayhood gewickelt. Zumindest ist sie jetzt wach. Der Spuk dauert keine 5 Minuten, der Pulsschlag reduziert sich wieder auf Normalmaß, und ich übergebe das Ruder kurz danach nur allzu gern an meinen Nachfolger.


Tag 16. Mein Kompliment an den Schreiber dieses Drehbuchs. Während am Horizont sich die Inseln erahnen lassen, beruhigt sich das Wetter und wir rauschen unter Vollzeug hoch am Wind dem Ende unserer Reise entgegen. Wie bestellt gesellt sich eine Delfinschule zu unserem Schiff und begleitet uns eine Stunde lang. Unser Zeitplan passt perfekt. Kaum sind nach 2.470 Meilen die Leinen wieder fest, stürzt Martin an Land und ins nächste Taxi. Tage später erfahren wir, dass er seinen gebuchten Flieger 10 Minuten vor dem Abflug erwischt hat. Wir anderen ertasten derweil vorsichtig das inzwischen ungewohnte Gefühl festen Bodens, taumeln klischeehaft im Seemannsgang Hortas Promenade entlang und bestaunen die Gemälde all derer, die, wie wir, den Atlantik bezwungen und sich hier ihr eigenes Denkmal gesetzt haben. Ich bin glücklich und zufrieden. Und ich bin stolz. Ich weiss – von dieser Seereise werde ich noch lange zehren und erzählen.



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