Jedem von uns ist im Laufe des Seglerlebens schon mal was peinliches, verwunderliches oder ein Missgeschick passiert. Über eure Berichte freuen sich alle, daher bitte an folgende E-Mail Adresse schicken: skipper (at) world-of-sailing24.com.

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Skipper Kim

Anekdoten

10-02-07 23:41

Der Alptraum eines Skipper

Autor: Alfred

Der Alptraum eines Skipper

Wenn einer eine Reise macht, dann gibt es was zu erzählen und vor allem wenn er mit dem Boot unterwegs ist, das so seine Macken hat.

12 Meter, zwei Ehepaare aus Madrid, ein Skipper und der war ich.

Wir brausten am Morgen um 8 Uhr von Denia los mit 2x 360 PS Richtung Ibiza.

Das Boot war ein kleines Platzwunder. 3 Doppelkabinen, 2x WC mit Dusche, aber ein kleiner Salon und keine Flybridge. (die Flybridge ist ein zweiter Steuerstand so quasi im ersten Stock)

Als das neue Boot von der Werft in Italien, via Landstrasse hier in Denia ankam und mit dem Kran gewassert wurde, hat die beauftragte Firma – „ ein Spitzenunternehmen „ – das Boot gewassert ohne die Kühlschläuche zu montieren. Da ein Boot nur schwimmt, wenn es dicht ist, war es ja nur eine Frage der Zeit bis es absoff und das hat es dann auch getan. Im Süsswasser kann das ja noch zu ertragen sein, aber im Salzwasser? Das frisst an allem möglichen herum und vor allem an der Elektronik. Die Motoren wurden dann für einige tausend Euro renoviert und liefen einwandfrei und so stand einem Wochentörn auf die Balearen nichts mehr im Wege. Diese Meinung war etwa so naiv, als wollte ich mit einem Fischernetz den Mond vom Himmel holen.

Nun, wir brausten jedenfalls mit 28 Knoten (ca. 50 kmh) Richtung Ibiza. Das Wetter war nicht unbedingt das gelbe vom Ei und nach einer Stunde brausten wir nicht mehr, dafür brauste ein Gewitter über uns weg. Der Seegang nahm enorm zu, und die Backbordmaschine gab beinahe ihren Geist auf.  Sie lief nur noch  im Standgas und brachte keine Leistung mehr. Somit fiel unsere Geschwindigkeit von 28 Knoten auf 10 zurück, aber immerhin, wir fuhren noch. Das erste mal in dieser Woche kuckten mich meine spanischen Gäste an, als sei ich der liebe Gott. Der bin ich aber nicht, obwohl ich sehr schnell merkte, dass nicht der Motor spinnt, sondern die Elektronik. Es war wieder einmal der Moment wo ich mich an meinen alten Dampfer zurückerinnerte, der ohne Elektronik, mit mechanischen Kabelezügen, immer gelaufen ist.

Geister haben die Eigenschaften, immer dann zuzuschlagen, wenn es keiner erwartet. Die Backbordmaschine, die nur noch im Standgas lief, stotterte zweimal und brachte plötzlich wieder Leistung. Leider nicht die volle, aber immerhin erhöhte sich unsere Knotenzahl auf 18 und das war doch schon mal was.

Die Spanier kuckten mich wieder an – das zweite mal in dieser Woche – aber jetzt etwas freundlicher als vorhin. Merke: Drehzahl hoch = freundlich, Drehzahl tief = nicht freundlich!           Bevor sie was sagen konnten, zuckte ich mit den Achseln und deutete in den Himmel. Es dauerte aber eine Weile bis sie merkten, was ich meinte, aber dann begriffen sie, dass der gute und der böse Geist im Motor steckte und nicht in mir.

10 Minuten später; Gesichter nicht freundlich = Drehzahl unten und die Knoten auch. Ein paar Minuten später; Gesichter freundlich = Drehzahl oben und die Knoten auch wieder…… und so ging das bis Ibiza.

In der Zwischenzeit war es 15.30 Uhr und ich hatte eigentlich die Absicht, sofort in den Hafen zu fahren und einen Mechaniker zu organisieren, aber die Herrschaften wollten zuerst baden gehen und so ankerte ich in der Talamancabucht ,damit die Schwimmneurose der Gäste befriedigt wurde. Fazit: Neurose befriedigt, aber kein Motor lief mehr an.

Da lagen wir nun und kuckten unfreundlich – ich auch !

Dann verschwand ich im Motorenraum und tat so, als sei ich der Motorenerfinder, fand aber ausser zwei Motoren und einigen Keilriemen nichts, was die oben glücklich gemacht hätte. Denken war angesagt. Also, eines war klar! An den Maschinen lag es nicht, ergo musste irgendwo beim Elektrischen der Wurm drin liegen. Jeder elektronisch gesteuerte Motor muss ja einen elektronischen Steuerungskasten haben und siehe da – sie hatten. An der Backbordmaschine war der Kasten nass und das machte mich stutzig. Wasser und Elektronik, das kann ja nicht gut gehen. Ich schraubte den Deckel weg und da lagen sie friedlich nebeneinander – die Kabel und das Wasser. Bei solchen Ehen macht der Motorensicherungsschalter kurzen Prozess und verabschiedet sich mit einem Klaggggg…. , was zur Folge hat, dass nichts mehr geht – „Rien ne va plus“- . Dieser Sicherungsschalter ist also quasi der „Croupier“ des Motorenraumes.

Vorsichtig nahm ich diese Kabelstränge aus dem Kasten und trocknete mit einem Lappen die ganze Umgebung. Dann zog ich Steckverschlüsse – einer nach dem andern – raus und trocknete sie mit meinen Lungenflügeln. Dann den Sicherungsschalter rein, die Zündung an und……. er lief! Vorsichtig versorgte ich alles wieder im Kasten, montierte den Deckel und der Kerl lief immer noch. Dann machte ich dasselbe beim andern Motor und der lief auch. Tosender Beifall meiner Gäste.

Aber die Bb (Backbord) Maschine lief immer noch nicht richtig.

Anker hoch und Richtung Ibiza Hafen, wo ein Platz für uns reserviert war.

Es war vorher schon abgemacht, dass meine spanischen Gäste im Hotel übernachteten und so konnte ich mich endlich um einen Mechaniker kümmern. Um 20.15 Uhr erschien er dann endlich und um 21.30 Uhr verliess er das Schiff mit den Worten, dass es nun gehen sollte, wobei das Wort „sollte“ für mich eine sehr beunruhigende Wirkung hatte.

Und so brummten wir am nächsten Morgen aus dem Hafen mit dem Ziel, die Insel zu umrunden. Viel Rundungen blieben da nicht, denn bereits in Santa Eulalia = unfreundliche Gesichter! Sollte! eigentlich gehen, klang immer noch in meinen Ohren und verbrachten den Tag in der Bucht von Espalmador mit einem Motor. Die Spanier telefonierten mit dem Bootsbesitzer und drohten ihm mit allem Möglichen, was aber den Motor auch nicht reparierte. Meine Mechanikerhotline lief heiss und er versprach mir am Abend seine Anwesenheit auf dem Boot. Um 16 Uhr waren wir im Hafen und Mechaniker Peter aus Holland war schon am Platz und wartete auf uns, was wiederum freundliche Gesichter hervorbrachte. Er setzte sein Analysegerät ein und überall im Schiff gingen irgendwelche Lichtlein an und ab. Wir schauten ihm alle interessiert zu und ich habe während dieser Zeit die Sprache der Schweine gelernt. Ich weiss heute, wann ein Schwein gut aufgelegt ist und wann nicht. Das Grunzen aus dem Motorenraum zeigte mir an, ob etwas funktionierte oder nicht. Jedenfalls sollte, nach anderthalb Stunden, eine Probefahrt gemacht werden.

Der Vorschlag kam vom Mechaniker und wurde von allen begrüsst.

Wenn ich zum Zahnarzt gehe und in den Warteraum komme, habe ich absolut keine Probleme mehr mit meinen Zähnen und frage mich immer, warum ich überhaupt hierher gekommen bin. Bei Mechanikern an Bord verhält sich das nicht anders. Lieber Leser! Wir sind eine geschlagene Stunde mit Vollgas um die halbe Insel gedonnert und nur freundliche Gesichter an Bord. Das erste mal, dass ich das Boot mit zwei Motoren einparkieren konnte. Alle waren glücklich und am anderen Tag wollten wir Die Insel Formentera umrunden. Wir hätten den Mechaniker mitnehmen sollen. Haben aber nicht und wurden nach 10 Minuten bestraft. Was soll ich sagen. Den gleichen Mist wie gestern, vorgestern und sicher auch morgen. Die Gesichter, Sie haben es erraten! Sehr… sehr unfreundlich. Ich dachte an die „Spitzenfirma“ vom Club Nautico in Denia und fragte mich, was die überhaupt noch suchen in dem Hafen. Es war nun schon das zweite mal, dass ich in Teufels Küche kam wegen denen und ich war auch nicht der Einzige.

Nun, das half jetzt auch nichts und der Bootseigner konnte ja auch nichts dafür, wurde aber von den Gästen bös traktiert. Bei mir erwachte das grosse Verständnis. Ich verstand die Gäste, ich verstand den Bootseigner und ich verstand die Elektronik und nicht zuletzt die Motoren, die ja nur machten was ihnen die Elektronik sagte.

Der Bootseigner zeigte sich sehr kulant, entschuldigte sich in aller Form  und versprach ihnen das Geld zurück zu bezahlen und übernahm die Kosten der Fähre zurück nach Denia. Das war meiner Ansicht nach des Guten zuviel. Ich hätte den Preis allenfalls um die Hälfte reduziert. Schliesslich sind wir nach Ibiza gefahren, schliesslich haben wir jeden Tag in irgendeiner Bucht gebadet und das einzige was weggefallen ist, war die Inselrundfahrt und die Geschwindigkeit.

Nun, meine Gäste wollten ihren Urlaub nicht einfach abbrechen und mieteten für den nächsten Tag ein anderes Boot in Ibiza. Mit dem Geld, dass sie dafür bezahlt haben, bekäme man auf einer Bank einen Millionenkredit und ich sollte als Skipper dabei sein – wahrscheinlich, falls etwas mit den Motoren nicht funktionieren sollte.

Bevor wir wegfuhren, fragte ich den Vermieter, ob das Ding wirklich auch nie abgesoffen sei. Er versicherte mir das und so war ich beruhigt. Der Tag verlief problemlos und am Abend sagten die Spanier, dass sie am anderen Morgen mit mir nach Denia zurück fahren wollen. Das aber redete ich ihnen blitzartig aus.

Mit einem Motor fahre ich alleine und basta. Da wurde dann akzeptiert und so trennten sich unsere Wege an diesem Abend. Sie gingen am nächsten Morgen um 11 Uhr auf die Schnellfähre und ich fuhr um 9.30 Uhr, nachdem ich noch getankt hatte, los.

Ich rechnete nach meiner Geschwindigkeit von 9 Knoten aus, dass ich ca. 7.5 Std. habe und um 16.30 Uhr in Denia sein sollte. Das meldete ich an die Basis nach Denia.

Um 12 Uhr war ich am Vedra und fuhr auf das offene Meer hinaus. Eine halbe Stunde später überholte mich die Schnellfähre mit meinen spanischen Gästen drauf. Man rief mich an auf dem Handy und an der Stimmlage erkannte ich, dass es nur freundliche Gesichter gab auf dieser Fähre. Nach kurzer Zeit verschwand das Unding am Horizont in einer gelben Nebelwolke und ich war wieder alleine. Weit und breit kein anderes Boot zu sehen. Der Wind wehte von Südosten und schickte mir die Wellen schräg backbord von hinten. Das war zuweilen toll, aber manchmal auch ekelhaft. Nämlich dann, wenn mich eine Welle überholte und das Boot auf dem Wellenkamm absackte und das Wellental hinunter surfte, aber leider auch aus dem Kurs lief. Da ich keinen Autopiloten hatte, war das Schwerstarbeit bei Steuern. Je weiter ich raus fuhr, desto grösser wurden die Wellen, blieben aber auf einer Höhe von 1.5 bis 2 Meter stehen.

Der Motor lief schön rund und gleichmässig und ich war mir sicher, dass er bis Denia durchhält.

33 Seemeilen hatte ich hinter mir, da ging der Warnton los. Das rote Licht leuchtete auf. Blick auf die Temperaturanzeige, 110 Grad statt 90. Motor abstellen und fluchen war das einzige, dass mir eingefallen war, aber das fluchen brachte mich auch nicht weiter. Motorendeckel auf und da sah ich die Bescherung. Der ganze Motorenraum war voll von zerfetzten Keilriemenfasern. Ich brauchte mich nicht umzukucken. Es war keine Frau an Bord und da ich auch kein Transvestit war, fehlten also die Strümpfe um diesen Keilriemen zu ersetzen.

Ich kuckte mich im Boot um und entdeckte einen Nigelnagel neuen Kissenanzug. Mit einem Stossgebet zum Eigner, zerriss ich dieses schöne Ding und war unsagbar stolz, über meine tollen Einfälle.

Ich packte die Werkzeugkiste, stellte sie oben hin und tauchte ab in den Motorenraum. Dann löste ich die Umlenkrolle und fing an den Kissenanzug zu montieren. Nun hat ein Schiff die Eigenschaften, dass wenn es nicht fährt, sich quer in die Wellen zu stellen, was meine Werkzeugkiste veranlasste mit einem riesigen Getöse via meinen Kopf in der Bilge unten zu verschwinden. Das war nun nicht gerade in meinem Sinne und ich verwünschte den, der die Wellen erfunden hat. Zudem war in diesem Motorenraum eine Hitze, dass ich mir die Eiszeit herbei sehnte. Beim letzten Ölwechsel, wurde anschliessend die Bilge nicht gereinigt, sodass das ganze Werkzeug in einem Öl-Wassergemisch lag. Als der Kissenanzug montiert war, war er so schwarz vor Dreck, wie ein Keilriemen. Das gibt zwar keine Sicherheit, aber optisch sah es ganz gut aus. Ob der hält bis Denia? Er hat gehalten! Genau 10 Sekunden. Dann  lagen nur noch Fetzen herum. Dann sah ich warum. Das eine Pulli war eingerissen und hatte eine scharfe Kante. Wieso, warum, aber…… es war jetzt einfach mal so. Ich streichelte den elektronischen Kasten – er hat sein Bestes gegeben. Was jetzt? Handy, Denia anrufen, abschleppen! Handy ja, anrufen no. Keine Verbindung da draussen! Toll!!! Funkgerät einschalten, aber das funktionierte auch nicht und da kam mir in den Sinn, dass der Mechaniker in Ibiza an dem Kabelstrang herumgebastelt hat und nun diese Kiste auch nicht mehr funktionierte. Plötzlich piepste mein Handy. Eine SMS von Vodafon: es versucht Sie jemand anzurufen. Die Nummer von dem Eigner und ich solle zurückrufen. Diese Knallfrösche. Wie soll ich denn…. wenn ich gar keine Verbindung habe hier. Ich schrieb eine SMS, drückte auf abschicken, aber es ging nicht – keine Verbindung. Dieses ganze Prozedere wiederholte sich noch einige Male, aber immer ohne Erfolg meinerseits. Was tun? Ich legte mich schlafen. Irgendeinmal werden sie mich, oder zumindest das Boot vermissen und dann suchen.

Nach einer Stunde Schlaf vergriff ich mich an meiner Wasserreserve und schüttete 4 2L Flaschen in das Kühlsystem. Der Motor war in der Zwischenzeit kalt geworden und etwa eine Seemeile östlich sah ich die Fähre Denia Ibiza vorbeibrausen. Das zeigte mir, dass mich der Wind etwa um eine Meile nach Nordwesten abgetrieben hat. Ich startete den Motor und fuhr mit Vollgas südlich Richtung Denia. Nach etwa 400 Meter war er wieder heiss und ich stellte ihn ab. Das wiedeholte ich noch zweimal, brachte mich aber auch nicht viel weiter. Dann wartete ich. Es war in der Zwischenzeit 18.30 Uhr geworden. Dann wieder eine SMS. Diesmal der Eigner. Gib deine Koordinaten an. Das machte ich dann brav, nur ging diese SMS auch nicht weg. Ich war total verschwitzt und nahm eine Bad im Meer, was mir gut tat.

Nun müssen sie etwas gemerkt haben in Denia. Schliesslich war ich seit etwa 16 Uhr überfällig und siehe da. Eine halbe Stunde später erschien das Schwesterschiff am Horizont und hielt Kurs auf mich zu. Der Rest ist schnell erzählt. Er nahm mich in Schlepptau und 2 Stunden später legten wir im Hafen von Denia an.

Das Schiff ist dann später ohne wenn und aber mit seiner Wahrheit, zu einem angemessen günstigen Preis verkauft worden.

Das war ein Törn, wie ich ihn vorher und nachher nie mehr erlebt habe und ehrlich gesagt – habe ich auch keine Lust dazu. Da sehe ich doch lieber freundliche Gesichter!

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Skipper Kim: Als kleines Dankeschön für die tolle Anekdote, möchte ich gerne auf das Buch von Alfred hinweisen:
"Basel liegt am Mittelmeer" und hat die ISBN Nummer 3-8334-1428-6, es gibt dort auch etliche Anekdoten aus dem Seglerleben von Alfred.


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